„Die Zeit ist aber reif, in größeren Zusammenhängen und schubladenübergreifend zu denken, Gräben zu überspringen und Verflechtungen zu verdeutlichen. Dazu ordnen wir die vielfältigen queeren und feministischen Erkenntnisse, die wir im Laufe der Jahre gesammelt haben, neu. Die Debatte um Intersektionalität erscheint uns dafür als geeignetes Terrain, da es dort um Zusammenhänge und Wechselwirkungen sozialer Differenzierungen geht.“ (Winker, Gabriele/Degele, Nina (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten, Bielefeld: Transcript Verlag, S. 9 f.) Wie im Zitat ausgedrückt, geht es nicht um ein schlichtes Addieren von Diskriminierungen sondern um „(…) die Verwobenheit von Ungleichheitsdimensionen. In den 1990er Jahren tauchte in der englischsprachigen Diskussion dafür der Begriff ‚intersectionality’ (oder auch intersectional analysis) auf“, den die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw (1989) ins Spiel gebracht hatte (ebd. S. 12). „Ihre Analyse der Anti -Diskriminierungsgesetze in den USA zeigte die Tatsache auf, dass diese Gesetze auf die Unterstützung von weißen Frauen und schwarzen Männern ausgerichtet waren. Die besondere Situation von schwarzen Frauen blieb unbeachtet. Crenshaw benutzte eine geometrische Metapher (einen geografischen Kreuzungspunkt), wenn sie vom Einfluss sich überschneidender Systeme sprach, von intersektionalen Erfahrungen schwarzer Frauen oder anderer multipler Identitäten. Dieses Konzept übersteigt die einfache Kumulation von Kategorien, die einen speziellen Menschen oder eine Gruppe von Personen (z. B. türkisch, Frau, Arbeiter_innenklasse) bezeichnen soll. Vielmehr zeigt es auf, dass Personen von Unterdrückungsmechanismen in sehr unterschiedlicher Weise betroffen sein können.“ (Scambor, Elli/Busche, Mart (2011): Intersekti onalität – ein Konzept zur Analyse multi pler Formen der Unterdrückung, in: GenderWerkstätt e: Mind the gap. Über Bewegliches und Brüchiges im Gender Diskurs. GenderWerkstätt e 10 Jahre, Broschüre, Graz, S. 26) Das hinter dem Begriff stehende Bild einer Kreuzung, an der sich verschiedene Stränge überschneiden, illustriert, wie beispielsweise ein Unfall, je nach Interesse der Beteiligten, die über die Definitionsmacht verfügen, dem einen oder anderen Strang zugeordnet werden kann. Das erscheint unbefriedigend, weil doch die Wechselwirkungen der Stränge, ihre Überlagerung oder gegenseitige Aufhebung oder weitere Interdependenzen beschrieben werden sollen. Obwohl der Begriff in kurzer Zeit bereits breit rezipiert wurde und wird, bleibt er doch vage und steht für vielfältige Verwendung zur Verfügung. „Intersektionalität hat sich in seiner kurzen Geschichte zu einem Konzept entwickelt, das über ein Strömungen übergreifendes Potential verfügt und Perspektiven für konstruktive Weiterentwicklungen und Anwendungen bietet – sowohl in den USA als auch in Europa. Dies gilt theoretisch wie auch interdisziplinär: nicht nur konstruktivistische, dekonstruktivistische oder strukturorientierte Verfahren knüpfen an dieses Konzept an, sondern auch so verschiedene Disziplinen wie Soziologie, Politikwissenschaften, Geschichte, Rechtswissenschaften, Philosophie, Literaturwissenschaften, Pädagogik oder Wirtschaftswissenschaften.“ (ebd. S. 14) Der Ansatz der Intersektionalität stellt sich Homogenisierungen entgegen.